Analyse | Hintergrund

Der Staatsbesuch des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan, in Deutschland vom 9. bis 11. September 2026 hat den bilateralen Beziehungen neuen Schub gegeben. Es war der erste Staatsbesuch eines Präsidenten der VAE in der Bundesrepublik; auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier traf Scheich Mohamed auch Bundeskanzler Friedrich Merz. Die Beziehungen beider Länder sind zunehmend von Investitionen, Technologie und industrieller Zusammenarbeit geprägt, und der Besuch hat diese Verschiebung mit Zahlen unterlegt.

Im Mittelpunkt stand eine deutliche Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen. Laut der gemeinsamen Erklärung beider Regierungen kündigten die VAE ein Investitionspaket von 40 Milliarden Euro für Deutschland an, das unter anderem den Aufbau von Rechenzentren mit einer Kapazität von rund einem Gigawatt umfasst. Beide Seiten begrüßten zudem 29 Vereinbarungen und Absichtserklärungen zwischen emiratischen und deutschen Unternehmen im Gesamtwert von mehr als 9,356 Milliarden Euro. Sie unterzeichneten eine Absichtserklärung zur Gründung eines deutsch-emiratischen Investitionsrats als Plattform für den Austausch zwischen öffentlichem und privatem Sektor, vereinbarten einen Strategischen Dialog zur Wiederbelebung ihrer Umfassenden Strategischen Partnerschaft aus dem Jahr 2004 und nahmen die Gemeinsame Wirtschaftskommission wieder auf. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters kommt das neue Paket zu bereits bestehenden emiratischen Investitionen in Deutschland im Umfang von rund 34 Milliarden Euro hinzu.

Die Zusagen deuten auf eine Beziehung hin, die über den klassischen Handel hinausgeht. Sie verbinden Deutschlands industrielle und technologische Fähigkeiten mit dem Kapital, den Investitionsnetzwerken und der Logistikinfrastruktur der VAE und schaffen damit einen Rahmen für Zusammenarbeit in der fortgeschrittenen Fertigung, im Energiesektor, in der digitalen Infrastruktur und bei neuen Technologien. Der Besuch selbst zielte darauf, das traditionelle Muster des reinen Warenhandels hinter sich zu lassen und eine Phase einzuleiten, die sich als industrielle und investive Integration beschreiben lässt.

Der deutsche Botschafter in den VAE, Dr. Tobias Tunkel, hatte im Vorfeld erklärt, während des Besuchs würden Dutzende präzise definierter Abkommen unterzeichnet, mit Kapitalinvestitionen zum Aufbau strategischer Partnerschaften und zur Umsetzung gemeinsamer Projekte im Mittelpunkt. Damit sollten die Grundlagen für eine langfristige Zusammenarbeit in den Bereichen Energie, Sicherheit, Umwelt, Kultur und Justiz gelegt werden. Mit den 29 Unternehmensvereinbarungen und dem Investitionspaket hat sich diese Ankündigung im Wesentlichen bestätigt.

Nach Zahlen des emiratischen Ministeriums für Wirtschaft und Tourismus überstieg das bilaterale Handelsvolumen zwischen den VAE und Deutschland 2025 die Marke von 13,56 Milliarden Euro, ein Zuwachs von rund 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Den größten Anteil machten deutsche Warenexporte in die VAE aus, die sich nach Angaben von Germany Trade & Invest auf Basis von Destatis-Daten auf 11,39 Milliarden Euro beliefen, während die deutschen Wareneinfuhren aus den VAE bei rund 1,87 Milliarden Euro lagen. Die deutschen Importe aus den VAE stiegen damit laut dem Außenministerium der VAE um mehr als 50 Prozent.

Der Wirtschaftsexperte und Generalsekretär des UAE International Investors Council, Jamal Al Jarwan, bezeichnet die VAE als einen der wichtigsten Wirtschaftspartner der Bundesrepublik in der Golfregion. Im Vorfeld des Besuchs sagte Al Jarwan einen Übergang in der Natur der bilateralen Beziehungen voraus: von einem Modell, das auf traditionellem Handelsaustausch und Technologiekäufen beruht, hin zu einem Modell gemeinsamer Investitionen und industrieller Integration. Emiratische Investitionen in Deutschland würden zu den wichtigsten Themen des Besuchs gehören, fügte er hinzu, da die deutsche Wirtschaft derzeit große Kapitalzuflüsse benötige, um ihre industrielle Infrastruktur, ihre Energiesektoren und ihre digitale Infrastruktur zu modernisieren.

Emiratische Unternehmen halten bereits umfangreiche Investitionen im deutschen Markt. Am prominentesten ist die Übernahme des deutschen Chemie- und Werkstoffkonzerns Covestro durch XRG, den internationalen Investmentarm des emiratischen Energiekonzerns ADNOC, mit einem Gesamtwert von 14,7 Milliarden Euro; nach Angaben von Covestro wurde die Transaktion am 10. Dezember 2025 abgeschlossen und um eine Kapitalerhöhung von 1,17 Milliarden Euro ergänzt, die die Umsetzung der Strategie „Sustainable Future“ des Unternehmens unterstützen soll.

Parallel dazu investiert Emirates Global Aluminium (EGA) rund 170 Millionen US-Dollar in seine deutsche Tochtergesellschaft EGA Leichtmetall bei Hannover, um eine Anlage für das Recycling von Aluminium aus Altschrott zu errichten. Nach Unternehmensangaben soll die Recyclingkapazität um mehr als das Sechsfache steigen; das erste Metall wird für 2028 erwartet. Die Anlage zielt auf die Nachfrage der europäischen Automobil- und Luftfahrtindustrie nach hochwertigem Sekundäraluminium.

Umgekehrt verfügt die deutsche Wirtschaft in den VAE über eine breite operative Basis: Nach Angaben des Außenministeriums der VAE sind rund 2.000 deutsche Unternehmen mit Repräsentanzen oder Niederlassungen im Land vertreten. Viele von ihnen nutzen die VAE als regionalen Standort, von dem aus sie Märkte im Nahen Osten, in Afrika und in Asien bedienen. Getragen wird diese Präsenz von einer deutschen Gemeinschaft in den VAE, die die deutsche Botschaft in Abu Dhabi auf ihrer Website auf etwa 10.000 Personen schätzt, davon rund 2.000 im Emirat Abu Dhabi, und die in Industrie, Ingenieurwesen, Finanzen, Beratung und im Gesundheitswesen tätig ist.

Diese Verflechtung geht einher mit wachsendem Tourismus und Luftverkehr. Nach Angaben der Deutschen Zentrale für Tourismus für die Golfregion reisten 2024 rund 490.000 Besucher aus den Golfstaaten nach Deutschland, was 1,2 Millionen Übernachtungen entsprach; Reisende aus den VAE stellten davon knapp 30 Prozent. Emirates hatte im Juni 2026 erklärt, tägliche Direktflüge nach Berlin und Stuttgart aufnehmen und dafür jährlich mehr als 100 Millionen Euro an Betriebskosten aufwenden zu wollen, vorbehaltlich der Genehmigung durch das Bundesverkehrsministerium. Laut Reuters hat Deutschland der Fluggesellschaft während des Staatsbesuchs zusätzliche Verkehrsrechte für eine reguläre Verbindung zwischen Berlin und Dubai eingeräumt; das Land Brandenburg begrüßte den Schritt, Lufthansa kritisierte ihn. Air Arabia will nach eigenen Angaben ab Mitte Dezember regelmäßige Direktflüge zwischen Sharjah und Düsseldorf anbieten.

Im Bereich Energie und Klimawende arbeiten beide Länder seit September 2022 im Rahmen des Abkommens „Energy Security and Industry Accelerator“ (ESIA) zusammen, das Sultan Al Jaber und die damalige Parlamentarische Staatssekretärin Franziska Brantner in Anwesenheit von Scheich Mohamed und dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz unterzeichneten. Das emiratische Unternehmen Masdar hält einen Anteil von 49 Prozent am Offshore-Windpark Baltic Eagle in der deutschen Ostsee, der nach Angaben von Iberdrola und Masdar rund 475.000 Haushalte versorgt. In der Gegenrichtung wurde Siemens Energy im Juni 2026 als Lieferant von Gas- und Dampfturbinen für das 2,6-Gigawatt-Kraftwerk Taweelah C in Abu Dhabi ausgewählt, dessen Inbetriebnahme nach Unternehmensangaben für Ende 2028 vorgesehen ist.

Die Zusammenarbeit erstreckt sich auch auf die Digitalwirtschaft und die Cybersicherheit. Der UAE Cyber Security Council und Siemens unterzeichneten im Mai 2026 eine Absichtserklärung zum Aufbau eines gemeinsamen Innovations- und Kompetenzzentrums für den Schutz industrieller Steuerungsnetze. Auf der Ebene der Fachkräfte ergänzt das German Emirati Institute for Vocational Education in Sharjah diese Zusammenarbeit; es wendet das duale Ausbildungssystem an und vergibt Abschlüsse, die in beiden Ländern anerkannt sind.

Vor diesem Hintergrund markiert der Staatsbesuch zusammen mit dem Investitionspaket und den Unternehmensvereinbarungen einen Wendepunkt, der die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder von der Formel des Warenaustauschs in eine Phase gemeinsamer produktiver Integration überführt. Ob daraus eine dauerhafte industrielle und technologische Partnerschaft wird, hängt nun davon ab, wie schnell die angekündigten Rechenzentren, die Recyclinganlage bei Hannover und die weiteren Projekte tatsächlich gebaut werden und ob der neue Investitionsrat die Zusagen in Verträge übersetzt.

Quellen: Die Angaben zum Investitionspaket, zu den Unternehmensvereinbarungen, zum Investitionsrat und zur Rechenzentrumskapazität stützen sich auf die gemeinsame Erklärung der Regierungen Deutschlands und der Vereinigten Arabischen Emirate vom 10. September 2026. Die Handelszahlen stammen vom emiratischen Außenministerium sowie von Germany Trade & Invest auf Basis von Destatis-Daten. Die Angaben zur Übernahme von Covestro durch XRG, zur Erweiterung von EGA Leichtmetall, zu Baltic Eagle, zu Taweelah C und zur Kooperation zwischen dem UAE Cyber Security Council und Siemens beruhen auf Mitteilungen der beteiligten Unternehmen. Die Zahl von rund 34 Milliarden Euro bestehender emiratischer Investitionen in Deutschland und die Angaben zu den Verkehrsrechten für Emirates stützen sich auf Berichte der Nachrichtenagentur Reuters. Die Besucherzahlen aus den Golfstaaten stammen von der Deutschen Zentrale für Tourismus (GCC-Büro); die Schätzung zur Zahl der in den VAE lebenden Deutschen von der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Abu Dhabi.