Burg/Bernburg. Im Jahr 2023 wollten die Volksbank Jerichower Land eG und die Volksbank Börde-Bernburg eG gemeinsam wachsen. Aus zwei regionalen Genossenschaftsbanken sollte eine größere, rein sachsen-anhaltische Volksbank entstehen. Öffentlich war von Zukunftsfähigkeit, gemeinsamen Stärken und einer stabilen regionalen Versorgung die Rede. Wenige Monate später wurde das Fusionsvorhaben abgesagt.

Unter dem Titel „Die Fusion, die Fragen hinterließ“ veröffentlicht Max Bertier nun eine neue Recherche und Analyse zur damals geprüften und später gescheiterten Fusion. Der Beitrag ordnet die öffentliche Fusionskommunikation, spätere Entwicklungen bei der Volksbank Börde-Bernburg eG, das Ausscheiden des langjährigen Vorstands Guido Raulin sowie die Rolle kritischer Nachfragen des damaligen Aufsichtsrats der Volksbank Jerichower Land eG ein.

Die Recherche stellt keine nicht belegten Pflichtverletzungen einzelner Personen in den Raum. Sie dokumentiert öffentliche Vorgänge, zeitliche Zusammenhänge und offene Fragen. Die zentrale These lautet: Die damals gestellten kritischen Fragen zur Risikostruktur des potenziellen Fusionspartners erscheinen rückblickend berechtigt und sollten heute transparent beantwortet werden.

Von der Aufbruchserzählung zur Kontrollfrage

Im Frühjahr 2023 wurde die mögliche Fusion der beiden Volksbanken als strategischer Schritt zweier wirtschaftlich gesunder Institute dargestellt. Begründet wurde das Projekt unter anderem mit Digitalisierung, Wettbewerb, steigender Komplexität, Fachkräftemangel und Ergebnisdruck im Bankensektor.

Doch eine Fusion von Genossenschaftsbanken ist mehr als ein organisatorischer Zusammenschluss. Sie betrifft Mitgliederrechte, Vermögensinteressen, Kontrollstrukturen und mögliche Risiken. Bei einer Verschmelzung werden nicht nur Kunden, Geschäftsstellen und Marktgebiete zusammengeführt. Auch Kreditrisiken, stille Reserven, stille Lasten, Wertpapierbewertungen, Beteiligungen, Tochtergesellschaften und mögliche Altlasten können auf das neue Institut übergehen.

Genau deshalb stellt die Recherche die Frage, wie tief, kritisch und transparent die damalige Fusionsprüfung tatsächlich erfolgte.

Kritische Fragen aus dem Aufsichtsrat

Nach Informationen aus dem damaligen Umfeld begann der Aufsichtsrat der Volksbank Jerichower Land eG im Sommer 2023, intensivere Fragen zur Risikostruktur der Volksbank Börde-Bernburg eG zu stellen. Dabei ging es unter anderem um Kreditstruktur, Beteiligungen, stille Reserven, Konzernstrukturen und die wirtschaftliche Tragfähigkeit möglicher Bewertungsansätze.

Aus Sicht genossenschaftlicher Kontrolle ist genau das die Aufgabe eines Aufsichtsrats. Er soll strategische Vorhaben nicht lediglich begleiten, sondern prüfen, hinterfragen und im Interesse der Mitglieder kontrollieren.

Die neue Recherche fragt deshalb, ob die kritische Haltung des damaligen Aufsichtsrats im Rückblick nicht als notwendige Sorgfalt, sondern möglicherweise zu Unrecht als Störung des Fusionsprozesses wahrgenommen wurde.

Spätere Entwicklungen machen die damaligen Fragen aktueller

Seit der Absage der Fusion haben sich mehrere Entwicklungen ergeben, die die damalige Fusionsprüfung erneut relevant machen. Die Volksbank Börde-Bernburg eG veröffentlichte Jahres- und Konzernabschlüsse, die Fragen zu operativer Ertragskraft, Kreditrisikovorsorge, Beteiligungsstrukturen, stillen Reserven, Bewertungswahlrechten und Konzernrisiken aufwerfen.

Besonders relevant ist dabei die Einbindung von Beteiligungs- und Warengesellschaftsstrukturen aus dem Raiffeisen-Umfeld. Eine Bank mit solchen Konzernstrukturen ist anders zu prüfen als ein einfach strukturiertes Regionalinstitut. Für Mitglieder und Gremien ist entscheidend, ob Risiken aus solchen Strukturen vollständig erkennbar, nachvollziehbar bewertet und transparent erläutert wurden.

Hinzu kommt das sofortige Ausscheiden von Guido Raulin aus dem Vorstand der Volksbank Börde-Bernburg eG im Juni 2026. Raulin war in veröffentlichten Unterlagen dem Bereich Nicht-Markt/Kontrolle zugeordnet. Die Bank sprach von persönlichen Gründen und einem Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat. Auf konkrete Pressefragen wurden keine detaillierten Antworten gegeben.

Die Recherche betont ausdrücklich: Daraus folgt kein belegter Zusammenhang zwischen dem Ausscheiden Raulins und wirtschaftlichen oder aufsichtsrechtlichen Vorgängen. Gleichwohl bleibt die Frage öffentlich relevant, ob ein Zusammenhang mit Risiko-, Kredit-, Beteiligungs-, Konzern- oder Kontrollthemen ausgeschlossen werden kann.

Auch der Genoverband im Fokus

Ein weiterer Aspekt der Recherche betrifft den Genoverband. Marco Schulz, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Genoverbands, scheidet zum 30.06.2026 auf eigenen Wunsch aus dem Verbandsvorstand aus. Nach Angaben des Verbandes verantwortete er zuletzt unter anderem Prüfung und Betreuung Banken sowie Risk & Compliance.

Der Beitrag ordnet diese Personalie nicht als Beleg für Fehlverhalten ein. Er stellt aber die strukturelle Frage, wie der Genoverband seine Rolle bei Fusionen wahrnimmt: als Prüfer, Berater, Begleiter und Interessenvertreter. Gerade diese Mehrfachrolle verlangt aus Sicht der Recherche besondere Transparenz und kritische Distanz.

Wenn ein Verband eine Fusion aktiv begleitet, muss er kritische Rückfragen aus Aufsichtsräten besonders ernst nehmen. Denn bei Genossenschaftsbanken entscheiden am Ende nicht nur Vorstände und Verbände über strategische Projekte. Die Mitglieder sind Eigentümer der Bank.

Mitgliederrechte und die frühe Warnung von igenos

Bereits im April 2023 wandte sich der igenos e.V., die Interessengemeinschaft der Genossenschaftsmitglieder, mit einem kritischen Schreiben an den Vorstand der Volksbank Jerichower Land eG. Der Verein weist seit Jahren auf mitgliederrechtliche Probleme bei Fusionen von Volks- und Raiffeisenbanken hin.

Im Kern geht es um die Frage, ob Mitglieder vollständig und zutreffend über Alternativen, Risiken und Vermögensinteressen informiert werden. Eine Verschmelzung betrifft nicht nur Organisation und Strategie, sondern auch die Existenz einer Genossenschaft und die mitgliedschaftlichen Rechte der Eigentümer.

Die neue Recherche greift diese Perspektive auf: In der öffentlichen Kommunikation von Bankenfusionen dominieren häufig Effizienz, Größe, Digitalisierung und Zukunftsfähigkeit. Weniger sichtbar ist oft die Eigentümerperspektive: Was verlieren Mitglieder? Welche Risiken werden übernommen? Welche Alternativen wurden geprüft? Wer profitiert von der neuen Größe? Und wer trägt die Folgen, wenn sich Risiken später anders darstellen als erwartet?

Gelegenheit zur Stellungnahme

Vor Veröffentlichung der Recherche erhielten die Volksbank Jerichower Land eG, die Volksbank Börde-Bernburg eG und der Genoverband e.V. Gelegenheit zur Stellungnahme zu den wesentlichen Fragen des Artikels.

Die Volksbank Börde-Bernburg eG und der Genoverband e.V. gaben hierzu innerhalb der gesetzten Frist keine Stellungnahme ab. Die Volksbank Jerichower Land eG reagierte, beantwortete die inhaltlichen Fragen zur damaligen Fusionsprüfung jedoch nicht. Stattdessen stellte sie zunächst die journalistische Tätigkeit des Autors in Frage und forderte eine Vorab-Abstimmung von Veröffentlichungen über ihr Haus.

Eine redaktionelle Freigabe journalistischer Veröffentlichungen erfolgt nicht. Sachliche Hinweise, Korrekturen und Stellungnahmen werden jedoch geprüft und im Rahmen der weiteren Berichterstattung berücksichtigt.

Warum die Recherche für Mitglieder wichtig ist

Die Recherche richtet sich nicht nur an Kunden der betroffenen Banken, sondern vor allem an Mitglieder und Vertreter von Genossenschaftsbanken. Denn sie entscheiden über Aufsichtsräte, Entlastungen, Satzungsfragen und strategische Weichenstellungen. Gerade bei Fusionen müssen Mitglieder verstehen, welche wirtschaftlichen, rechtlichen und organisatorischen Folgen ein Zusammenschluss haben kann.

Die zentrale Botschaft lautet: Kontrolle ist keine Blockade. Kritische Fragen eines Aufsichtsrats sind kein Störfaktor, sondern ein notwendiger Bestandteil genossenschaftlicher Verantwortung. Eine Fusion ist nur dann überzeugend, wenn Chancen und Risiken gleichermaßen transparent auf dem Tisch liegen.

Der vollständige Recherchebericht ist abrufbar unter:

https://www.max-bertier.de/artikel/fusion-die-fragen-hinterliess/