Volksbanken gehören ihren Mitgliedern. Dieser Satz ist mehr als ein Werbeversprechen. Er beschreibt den Kern der genossenschaftlichen Bankidee: Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Kontrolle durch die Eigentümer. Doch genau dieser Anspruch gerät unter Druck, wenn einzelne Institute stark wachsen, Sondergeschäfte eingehen, komplexe Beteiligungsstrukturen aufbauen oder wenn Mitglieder ihre Kontrollrechte kaum noch wahrnehmen.

Unter dem Titel „Entfremdete Genossen“ veröffentlicht Max Bertier einen ausführlichen Recherchebericht zu aktuellen Entwicklungen in Teilen der Volksbankenlandschaft. Der Bericht stellt nicht die Rechtsform der Genossenschaft in Frage. Im Gegenteil: Er misst einzelne Entwicklungen am ursprünglichen Raiffeisen-Gedanken und an der Frage, ob Mitglieder, Vertreter und Aufsichtsräte ihre Kontrollfunktion noch wirksam ausüben können.

Die Recherche ordnet mehrere öffentlich diskutierte Fälle aus der genossenschaftlichen Finanzgruppe ein. Dazu gehören unter anderem die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden, die Volksbank BRAWO sowie weitere Fälle, bei denen öffentlich über Immobilienrisiken, Beteiligungsstrukturen, Stützungsbedarf, Aufsichtsmaßnahmen oder Kontrollfragen berichtet wurde. Die Fälle unterscheiden sich im Detail, zeigen aber wiederkehrende Strukturfragen: Wachstumsdruck, bankfremde Risiken, schwache Mitgliederkontrolle, hohe Komplexität und die Rolle von Prüfungs- und Sicherungssystemen.

Ein Schwerpunkt des Berichts liegt auf der Rolle der Prüfungs- und Beratungsverbände. Der Genoverband etwa ist nach eigener Darstellung Prüfungsverband, Berater, Bildungsträger und Interessenvertreter seiner Mitgliedsgenossenschaften. Diese Mehrfachrolle wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie unabhängig und frühzeitig kann Kontrolle wirken, wenn Prüfung, Beratung, Begleitung und Interessenvertretung institutionell eng beieinanderliegen?

Als lokales Fallbeispiel behandelt die Recherche die Volksbank Jerichower Land eG. Dort geht es nicht um einen bekannten Sanierungsfall oder öffentlich dokumentierte Großverluste. Gerade deshalb ist der Fall aus Sicht des Autors relevant: Er zeigt mögliche Frühwarnzeichen nach dem Motto „Wehret den Anfängen“. Im Mittelpunkt stehen Vorstandsvergütung, Dienstvertragslaufzeiten, Aufsichtsratskontrolle, Kommunikation an Mitarbeitende vor einer Generalversammlung, Mitgliederinformation und die Frage, wie frei und informiert Kontrollorganwahlen tatsächlich stattfinden.

Der Volksbank Jerichower Land eG wurde vor Veröffentlichung Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Eine eingehende Stellungnahme wird in der weiteren Berichterstattung berücksichtigt.

Der Bericht richtet sich besonders an Mitglieder von Volksbanken. Wer Mitglied ist, ist nicht nur Kunde, sondern Miteigentümer. Generalversammlungen, Vertreterversammlungen, Entlastungsbeschlüsse und Aufsichtsratswahlen sind deshalb keine Formalitäten. Sie entscheiden darüber, ob eine Bank wirksam kontrolliert wird.

Der Recherchebericht enthält unter anderem einen Fragenkatalog für Mitglieder vor Generalversammlungen: Wie stark ist die Bilanzsumme gewachsen? Welche Risiken bestehen im Kredit- und Beteiligungsgeschäft? Wie angemessen ist die Vorstandsvergütung? Welche Hinweise enthält der Prüfungsbericht? Wie unabhängig arbeitet der Aufsichtsrat? Und warum soll entlastet werden, wenn wesentliche Fragen nicht beantwortet sind?

Die zentrale Botschaft lautet: Die genossenschaftliche Idee ist nicht überholt. Sie funktioniert aber nur, wenn Mitglieder ihre Rechte wahrnehmen, Aufsichtsräte unabhängig handeln, Prüfungs- und Verbandsstrukturen kritisch hinterfragt werden und Wachstum nicht zum Selbstzweck wird.

Der vollständige Recherchebericht ist abrufbar unter:

https://www.max-bertier.de/artikel/entfremdete-genossen/